Wer einen ausländischen Pass kaufen möchte, kauft in Wahrheit eine Liste: die Länder, in die der neue Reisepass ohne Visum führt. Genau diese Liste ist jedoch kein Besitzstand. Die EU, das Vereinigte Königreich und die USA haben seit 2022 mehrfach gezeigt, dass Visumfreiheit für Staaten mit Investorenprogrammen ausgesetzt, beschränkt oder ganz gestrichen werden kann. Wer heute einen Beitrag von USD 130.000 bis 250.000 leistet, sollte deshalb nicht die Zahl der visumfreien Länder von heute bewerten, sondern deren Stabilität über die nächsten zehn Jahre. Visumfreiheit ist eine einseitige Entscheidung des Ziellandes und kann jederzeit zurückgenommen werden. Einen Überblick über Programme und Beiträge gibt unsere Seite Staatsbürgerschaft kaufen: Programme und Kosten 2026; die Grundbegriffe zu Visum und Einreise erklärt unser Lexikon.
Mit der Verordnung (EU) 2025/2441 vom 26. November 2025, in Kraft seit 30. Dezember 2025, hat die EU den Aussetzungsmechanismus für Visumfreiheit reformiert. Investorenprogramme, die eine Staatsangehörigkeit ohne echte Bindung an das Land vergeben, sind seither ein ausdrücklicher Aussetzungsgrund. Eine erste Aussetzung gilt für bis zu zwölf Monate; die Schwelle für bestimmte Auslöser liegt laut Verordnung bei 30 Prozent.
Wie ein solcher Weg endet, zeigt Vanuatu: Teilaussetzung am 3. März 2022, Vollaussetzung am 4. Februar 2023, dauerhafte Visumpflicht seit 3. Februar 2025 durch die Verordnung (EU) 2025/11. Für die fünf Karibikstaaten hat die Kommission im achten Bericht vom 8. Dezember 2025 festgehalten, dass ein Programm zum Erwerb der Staatsangehörigkeit durch Investition „für sich genommen" ein Aussetzungsgrund ist. Mit Schreiben vom 25. Juni 2026 setzte Kommissar Brunner eine Frist: Einstellung der Programme bis 1. Juni 2028, andernfalls Verlust der Schengen-Visumfreiheit. Antigua und Barbuda hat öffentlich abgelehnt. Hinzu kommt ETIAS, die elektronische Reisegenehmigung für visumfreie Drittstaatsangehörige, deren Start für Ende 2026 geplant ist.
London handelt schneller als Brüssel. Seit 19. Juli 2023 benötigen Staatsangehörige von Dominica und Vanuatu ein Visum für das Vereinigte Königreich; seit 5. März 2026 gilt das auch für St. Lucia. Antigua und Barbuda, Grenada sowie St. Kitts und Nevis reisen weiterhin visumfrei ein, seit 8. Januar 2025 jedoch nur mit einer elektronischen Reisegenehmigung (ETA) zum Preis von GBP 10 laut Home Office. Beachten Sie besonders: Die britischen Entscheidungen fielen jeweils ohne lange Vorlaufzeit. Wer den Zweitpass vor allem für Reisen nach London erwirbt, sollte diese Abhängigkeit einpreisen.
Die Proklamation 10949 vom 4. Juni 2025 und die Proklamation 10998 vom 16. Dezember 2025, wirksam seit 1. Januar 2026, verhängen eine Teilsperre für Staatsangehörige von Antigua und Barbuda sowie Dominica. Betroffen sind Einwanderungsvisa sowie die Kategorien B-1/B-2 (Geschäft und Tourismus) und F/M/J (Studium und Austausch). Als Begründung nennt die Proklamation ausdrücklich den Passverkauf ohne Aufenthaltspflicht. St. Kitts und Nevis, St. Lucia, Grenada und Vanuatu sind nicht gelistet. Grenada behält damit seinen Sonderweg über den E-2-Investorenvertrag mit den USA, den wir im Beitrag Welche Staatsbürgerschaft ist die beste? einordnen.
Aus unserer Beratungspraxis wissen wir, dass die US-Frage häufig unterschätzt wird. Ein typisches Beispiel: Ein Unternehmer mit deutschem Pass reist weiterhin per ESTA ein; ein aus einem Drittstaat stammender Ehepartner mit neuem Dominica-Pass fällt dagegen unter die Teilsperre und muss die Einreise mit seinem bisherigen Pass planen.
Die Tabelle fasst den Stand vom 20. September 2026 zusammen. Die Einstufung berücksichtigt bestehende Beschränkungen und die EU-Frist 2028; sie ist eine Momentaufnahme, keine Prognose.
| Programm | EU/Schengen | UK | USA | Risiko-Einstufung |
|---|---|---|---|---|
| Antigua und Barbuda | visumfrei, Frist 01.06.2028 | visumfrei mit ETA | Teilsperre seit 01.01.2026 | hoch |
| Dominica | visumfrei, Frist 01.06.2028 | Visumpflicht seit 19.07.2023 | Teilsperre seit 01.01.2026 | hoch |
| Grenada | visumfrei, Frist 01.06.2028 | visumfrei mit ETA | nicht gelistet, E-2-Vertrag | mittel |
| St. Kitts und Nevis | visumfrei, Frist 01.06.2028 | visumfrei mit ETA | nicht gelistet | mittel |
| St. Lucia | visumfrei, Frist 01.06.2028 | Visumpflicht seit 05.03.2026 | nicht gelistet | mittel bis hoch |
| Vanuatu | Visumpflicht seit 03.02.2025 | Visumpflicht seit 19.07.2023 | nicht gelistet | bereits eingetreten |
| Türkei | Visumpflicht | Visumpflicht | Visumpflicht | kein Rückzugsrisiko, da ohne Visumfreiheit |
Unser Rat: Bewerten Sie einen Zweitpass so, wie Sie eine Beteiligung bewerten würden, die Sie zehn Jahre halten. Die Frage lautet nicht „Wohin komme ich heute visumfrei?", sondern „Welche Reiseziele brauche ich in zehn Jahren, und wie wahrscheinlich bleibt der Zugang bestehen?". Wer vor allem in Asien, Lateinamerika oder dem Nahen Osten unterwegs ist, hängt weniger an den Entscheidungen aus Brüssel und London als jemand, dessen Geschäft in Europa liegt. Wer den Zweitpass als Absicherung gegen politische Risiken im Heimatland versteht, gewichtet Stabilität und Bankfähigkeit höher als die reine Länderzahl; dazu mehr im Beitrag Zweite Staatsbürgerschaft kaufen: Plan B für Unternehmer. Aus unserer Beratungspraxis hat sich bewährt, den neuen Pass ausschließlich als Ergänzung zum deutschen, österreichischen oder Schweizer Pass zu planen und nie als Ersatz. Welche Programme derzeit offen sind, zeigt unsere Übersicht zur Staatsbürgerschaft durch Investition.
Stand: 20. September 2026
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